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Kirchenführung Laurentiuskirche Gimmeldingen
Interessante Kirchenführung der Laurentiuskirche in Gimmeldingen mit vielen weiteren Informationen.

Wenn man als Kind in einer Umgebung aufwächst, nimmt man vieles als gegeben wahr, was man als Erwachsener auch nicht mehr hinterfragt, höchstens wenn ein Gebäude, wie unsere Dorfkirche einen anderen Farbantrich erhält oder einen neuen Hahn auf dem Turm gesetzt bekommt. Der eine oder andere Gimmeldinger wird sich vielleicht schon gefragt haben, warum die Fensteröffnungen des Kirchturms rundbogig sind, dessen Tür aber spitzbogig zugeht? Weshalb in fast allen Dorfkirchen in unserer näheren Umgebung die Haupteingänge durch den Turm führen, in Gimmeldingen dagegen von der Südseite her. Oder die Abstände zwischen den Fenstern die gleichen sind, dagegen der Abstand zwischen dem dritten und vierten Fenster - von der Turmseite gezählt – breiter ist als alle übrigen, wobei auch noch die Fenstersimse der drei ersten aus rotem Buntsandstein gefertigt sind, dagegen die beiden letzten in weißlichem Sandstein gehalten wurden? Bei den Häusern im Dorfe weiß man aus Erfahrung, dass sie meist ein oder 1 ½ Stockwerke über dem Erdgeschoß tragen, Wer hat schon die Stockwerke des Kirchturms gezählt? Hat er auch einen so hohen Sockel wie die meisten Wohnhäuser?

All diese Fragen konnten den Besuchern unseres Vereins bei einer Führung, die vor und in der Gimmeldinger Laurentiuskirche am 04. Februar stattfand, erfahren.

Den Turm ziert das Dorf schon seit Ende des 12. Jahrhunderts. Man muss sich die fünfeinhalb Stockwerke nur ohne dessen Pyramidendach vorstellen. Schließlich wurde er ursprünglich nicht zum herbeiläuten der Gläubigen errichtet. Seine Bestimmung war die rechtzeitige Allarmierung der Bewohner vor äußeren Feinden oder dem größten damaligen inneren, dem Feuer - durch einen Wächter. Wer wollte schon je als altmodisch gelten? Selbst Kirchenverantwortliche nicht. Deshalb lassen sich die unterschiedlichsten Baustile, verborgen oder bruchstückhaft, bei fast allen alten Kirchenbauten erkennen. Vom Früh- und bis ins Hochmittelalter war der romanische vorherrschend, an relativ kleinen rundbogigen Tür- und Fensteröffnungen unschwer zu erkennen. Abgelöst wurde er von der Gotik. Spitzbogige Fenster meist mit einem Maßwerk versehen, wie es an den Fenstern der Loblocher Nikolauskapelle zu erkennen ist, charakterisieren diesen Baustil, weshalb das Portal des Turmes zu Beginn des 15.Jahrhunderts veranschlagt wird. Rundbogige Öffnungen waren wieder in der Barockzeit en vogue, Die Architekten der 18. Jahrhunderts richteten die Fenster danach aus. Das runde „Guckloch“ , das im Dachgeschoß an der Südseite des Kirchenschiffes eingelassen wurde, ist dafür ein weiterer Beweis.

Die Laurentiuskirche wurde in ihren langen Leben einige Male erweitert und erhöht, was in den fünfziger Jahren bei Renovierungsarbeiten, die während der Amtszeit von Pfarrer Theophil Blitt, durchgeführt wurden, im wahrsten Sinne des Wortes ans Tageslicht kamen, nachdem der Boden im Kircheninnern aufgegraben wurde und Fundamente einzelner Vorkirchen zum Vorschein kamen. Verweilt man ein wenig vor den Eingängen des Rathauses und des Pfarrhauses einerseits und des südlichen Kirchenportals andererseits, kann selbst ein ungeübtes Auge Ähnlichkeiten ausmachen. Jeder Durchlass weist Übereinstimmungen auf; z.B. die Pilaster, d.s. an den Seiten der Zierde wegen angebrachte nichttragende Säulen sowie rechteckige Abschlüsse im Türsturz, was Rückschlüsse auf den klassizistischen Baustil zulässt, der zur Wende des 18. zum 19. Jahrhundert vorherrschend war. Den Beweis findet man über dem Portal der Laurentiuskirche. Dort ist die Jahreszahl 1803/04 zu finden, die letzte Erweiterung des Kirchenschiffes, womit auch geklärt ist, weshalb die letzten beiden Fenster dem Erweiterungsbau zuzuordnen sind, deren Einfassungen aus einem andersfarbigen Stein und wahrscheinlich aus Kostengründen in einfacherer Form gearbeitet wurde.

Beitrag erstellt von: Jürgen Wittmann (Gästeführer Gimmeldingen)

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